Internationale Tagung. Die (Neu)Erfindung der Philosophiegeschichte

Organisation:
Michael N. Forster (Bonn)
Stefanie Buchenau (Université Paris 8 Saint-Denis UR 1577 Les mondes allemands)
Christian Berner (Universität Paris-Nanterre IREPH)

Philosophiehistoriker finden es manchmal schwierig, ihren Platz innerhalb der philosophischen Disziplin zu behaupten. Oft wird ihnen im Vergleich mit den „systematischen” Philosophen und einer Logik zufolge, die „historische“ und „systematische“ Herangehensweisen an die Philosophie gegenüberstellt, ein eher untergeordneter Status zugewiesen. Denn während die Historiker, so heißt es, eher Erklärungen über akzidentelle Kontexte liefern, bieten die systematischen Philosophen substantiellen Inhalt. Paradox ist, dass diese Gegenüberstellung von “historisch” und “systematisch” sich gerade in Deutschland besonderer Beliebtheit erfreut, da doch die deutsche historiographische Tradition sie gerade in Frage stellt. Noch paradoxer scheint es, dass diese Gegenüberstellung und Arbeitsteilung bisher fast gar nicht diskutiert und kritisch hinterfragt worden ist. Vor dem Hintergrund dieser ungelösten methodologischen Spannungen soll in dieser internationalen Tagung einmal auf die Ursprünge der philosophischen Historiographie zurückgegangen werden. Wir hoffen, dass eine solche Rückkehr zu den historischen Wurzeln der Philosophiegeschichte von Nutzen für ihre Neuerfindung heute sein kann.

In der Tat scheint die Philosophiegeschichte zu den großen historiographischen Neuerungen der westlichen Neuzeit zu gehören. Nach den ersten Traktaten Johann Jakob Bruckers in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Kurtze Fragen aus der Philosophischen Historie, 1731 und Historia critica philosophiae, 1742-44), erlebte die neue Textgattung Philosophiegeschichte eine wahre Blütezeit. Sie wurde von Autoren wie Kant und Hegel geschätzt und von einer großen Anzahl von Neukantianern und Hegelianern (Kuno Fischer, Wilhelm Windelband, Ernst Cassirer, Nicolai Hartmann, Wilhelm Dilthey) aufgenommen und weiterentwickelt. In der Folgezeit entwickelten Romantiker wie Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher ein besonderes Interesse an den griechischen, europäischen und orientalischen Wurzeln der Philosophie, wie es Schlegels Essay Über die Sprache und Weisheit der Indier von 1808 bezeugt. Die späteren deutschen historisch-kritischen Wissenschaften (Eduard Zeller, August Boeckh, Christian August Brandis) griffen noch auf dieselben philosophischen und historiographischen Werkzeuge zurück, die ihnen die Romantiker bereitgestellt hatten.

Ein Großteil dieser Philosophen schien ein historisches, durch den Historizismus des 18. Jahrhunderts geprägtes Modell von Philosophie zu favorisieren. Dieses Modell schien nun alternative Traditionen wie die antike Doxographie und die theologische philosophia perennis abzulösen und von einer neuen Gewichtung der zeitlichen Entwicklung des Denkens für die Philosophie selbst zu zeugen. Obwohl Philosophen wie Hegel und Dilthey weiterhin Sein, Wahrheit und Notwendigkeit als zentrale Angelegenheit der Philosophie anerkannten, zweifelten sie die Idee an, dass eine solche Wahrheit notwendigerweise eine einzige sein müsse und dass eine einzige Philosophie wahr sein könne. Sie behaupteten stattdessen, dass Philosophie die beschränkte und charakteristische Perspektive eines bestimmten historischen Zeitalters darstelle. Um der eigenen Selbsterkenntnis willen müsse die Philosophie deshalb auf ihre Historizität reflektieren und eine Geschichte der Philosophie in das philosophische System eingliedern.

Innerhalb dieses allgemeinen historischen Rahmens räumten die Philosophen dem historischen Kontext, der Philologie und der Biographie mehr oder weniger Bedeutung ein. Schon im deutschen Kontext formulierten manche Philosophen Einwände gegen einen allzu historischen Zugriff auf die Philosophie, die spätere Argumente vorwegnahmen. So kritisiert Kant in seinen Prologomena bekanntlich jene “Gelehrte” und Philosophiehistoriker, die die Philosophie mit ihrer Geschichte verwechseln, die die Belange der Gegenwart vernachlässigen und denen die historische Analogie als Waffe zur Abwehr und Verneinung jeglicher Neuerung diene. Im weiteren europäischen und außereuropäischen Kontext gab das “deutsche” Modell zu vielfältigen Formen von Aneignung und Widerstand Anlass. Während Victor Cousin die französische Tradition von “philosophie générale” auf hegelianischen Grundpfeilern errichtete, konzipierten Autoren der frühen analytischen Tradition wie Russell und Moore ihre Philosophie ausdrücklich gegen den Hegelianischen und Britischen Idealismus.

Ziel dieser internationalen Tagung ist es, diese seit dem 18. Jahrhundert entstandenen Argumente, die sich wandelnden Unterscheidungen und Philosophiegeschichten im Lichte der gegenwärtigen Situation zu untersuchen.

Programm

Datum: 19.03.2020 - 20.03.2020